Spirit of Styria

„Kein Verständnis für künstliche VERKNAPPUNGEN“

Der neue steirische Innungsmeister der Landesinnung Bau Michael Stvarnik im Interview über die Entwicklung der Baukosten, den Kampf gegen den Fachkräftemangel, die Eindämmung des Normendschungels und warum die Branche den Baustoffproduzenten nun zunehmend die Rute ins Fenster stellt.

Sie übernehmen die neue Funktion in Zeiten von Krisen und Verwerfungen.
Wo sehen Sie derzeit die größte „Baustelle“ in Ihrer Branche?
Dass die Zeiten schon mal ruhiger waren, ist klar. Aber als pflichtbewusster Standesvertreter kann man sich die Zeit nicht aussuchen, in der man Verantwortung übernimmt – sondern macht es, wenn einen der Ruf ereilt. Wir haben viele Themen, die uns beschäftigen. Von den Rohstoff- und Energiepreisen bis zum drängenden Fachkräftemangel.

Worauf bauen Sie im Kampf gegen den Fachkräftemangel?
Im Bau haben wir zwar steigende Lehrlingszahlen, aber die geburtenstarken Jahrgänge treten in den nächsten Jahren aus dem Arbeitsprozess aus. Daher muss es gelingen, zusätzliche Arbeitskräfte aus anderen Teilen der Wirtschaft zu rekrutieren, idealerweise aus bauaffinen Branchen. Einer unserer Vorteile ist sicher die hervorragende Bezahlung am Bau. Auch die Arbeitszeitmodelle passen sich immer mehr dem Bedarf an, manche Betriebe – so auch mein Unternehmen – haben bereits die 4-Tage-Woche eingeführt.


BAU IN DER STEIERMARK
Rund 3.000 Betriebe, 15.000 Mitarbeiter, 450 Lehrlinge
www.stmk.bau.or.at

BAU-UNTERNEHMEN STVARNIK
Sitz in Fohnsdorf, besteht seit 75 Jahren, geführt von Michael Stvarnik seit 1991 in dritter Generation. Rund 50 Mitarbeiter Das Angebot reicht von der Projektentwicklung über die Planung bis hin zur Ausführung von Bauprojekten aller Art.
www.stv-bau.at

Wie sehr belasten steigende und volatile Baustoffpreise den Sektor?
Man muss unterscheiden. Es gibt Preise, etwa beim Baustahl, die uns der Weltmarkt vorgibt. Mehr Sorge bereiten mir aber jene Baustoffe, die regional erzeugt werden – etwa Ziegel, wo es enorme Preissteigerungen gab und gibt, ebenso das Systemholz. Bei diesen beobachten wir künstliche Verknappungen, um höhere Preise zu erzielen. Dafür haben unsere Betriebe kein Verständnis. Der Ziegel ist zweifellos ein guter Baustoff – aber ich frage mich, ob sich das gute Produkt Ziegel und das gute Produkt Holz zurzeit in guten Händen befinden. Ich bin nicht sicher, ob diese Produzenten künftig für uns die richtigen Partner am Bau sind. Wenn sich diese Preispolitik nicht ändert, sind Planer und Genossenschaften gefordert, sich nach alternativen Baustoffen umzusehen.

„Bei vielen Projekten ist es in der aktuellen
Situation am Rohstoffmarkt nahezu unmöglich, einen Festpreis anzubieten.“


MICHAEL STVARNIK
Innungsmeister der Landesinnung Bau

Ein Wink mit dem Zaunpfahl?
Ein deutliches Signal. Denn es wird auch eine Zeit nach der Krise geben.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Baukonjunktur ein?
Derzeit haben die Betriebe eine sehr gute Auslastung – wir sehen sogar eine Überhitzung des Marktes. Mehrere Faktoren spielen zusammen – die hohe Inflation, das günstige Geld sowie die anhaltende Wirkung der Corona-Investitionsprämie. Wir rechnen allerdings mit einer Abkühlung am Markt, die auch eine gewisse Preisberuhigung mit sich bringen wird. Gleichzeitig könnten die Löhne im Gefolge der Inflation wieder ansteigen – was wiederum auf die Baukosten wirkt. Unterm Strich wird das Bauen auf Dauer nur geringfügig günstiger – das Niveau der Vorkrisenzeiten erreichen wir nicht mehr. Aber sollte uns wirklich das Gas abgedreht werden, dann – so ehrlich muss man sein – stehen wir sowieso.

Wurde in den vergangenen Jahren, vor allem in Graz, zu viel gebaut?
Beim Wohnraum bewegen wir uns auf dem freien Markt. Und dort gilt: Je größer das Angebot, desto günstiger der Preis. Wenn wir leistbare Wohnungen haben wollen, müssen wir uns dazu bekennen, ein entsprechendes Angebot zu schaffen. Generell setzt sich der Preis für Wohnraum aus mehreren Faktoren zusammen, der Anteil der reinen Baukosten ist über die Zeit hinweg noch am konstantesten geblieben – im Gegensatz zu Nebenkosten und vor allem den Grundstückskosten, die enorm gestiegen sind. Daher müssen wir schauen, dass sich der Anteil von Grund und Boden am Quadratmeter Wohnraum prozentuell verringert – das heißt: Rauf mit der Dichte, wir müssen höher bauen!

Wohnbaugenossenschaften drohten Projekte auszusetzen, da sie aufgrund überschrittener Limits bei den Baukosten die Wohnbauförderung verlieren.
Ein ganz wichtiges Thema, daher haben wir sofort reagiert und mit dem zuständigen Landesrat Hans Seitinger das Gespräch gesucht. Es wurde eine Änderung der Förderbedingungen vereinbart – die förderbaren Kosten und der Limitpreis werden angehoben. Damit wird sichergestellt, dass es im geförderten Wohnbau keinen Stillstand geben wird. Ein ganz wesentlicher Motor für das Gewerbe und viele KMU-Betriebe. Der geförderte Wohnbau ist ein essenzieller Teil unseres Wirkens, daher werden wir im Herbst auch eine Bau-Enquete zum Thema „Wohnbau 2035“ abhalten.

Neu an der Spitze der Landesinnung Bau:
Michael Stvarnik mit seinen beiden Stellvertretern Gernot Tilz (l.) und Josef Gasser

Aufgrund der Volatilität am Rohstoffmarkt fordern Baufirmen bei Projekten veränderliche Preise. Ist diese Praxis bereits am Markt angekommen?
Worum geht es? Uns geht es um eine gute Partnerschaft und darum, das Marktrisiko entsprechend fair zu verteilen. Es gibt Projekte, wo wir Baustellen gerne zu Festpreisen machen – das sind jene Projekte, wo die Vorabreiten gemacht sind und eine fixfertige Planung inklusive Detailplanung vorliegt, wenn wir also zum Zeitpunkt der Ausschreibung bereits genau wissen, welche Materialien und Produkte wir bestellen müssen – und zwar nicht ungefähr, sondern eben im Detail. Diese Art der Vorarbeit ist allerdings bei nur rund 10 % der Projekte gegeben. Beim Großteil der Projekte lassen die vorhandenen Unterlagen diese Genauigkeit vermissen. Dann wird es bei der Situation am Rohstoffmarkt nahezu unmöglich, einen Festpreis anzubieten. Eine Einigung auf veränderliche Preise betrifft meist ohnehin nicht das gesamte Bauvorhaben, sondern beschränkt sich auf einzelne Positionen, etwa einzelne Rohstoffe wie Baustahl, Ziegel oder Diesel. Und: Veränderliche Preise können auch zum Vorteil des Auftraggebers sein – es kann ja auch günstiger werden. Zudem ist man bei Festpreisen als ordentlicher Kaufmann gezwungen, Risikoaufschläge – und damit höhere Preise – anzusetzen. Das gute Einvernehmen bzw. eine gemeinsame Lösung mit dem Bauherrn ist immer ein Vorteil für beide Seiten. Wichtig zu wissen: Baufirmen bauen nur das, was jemand anderer plant und ausschreibt. Daher wird jeder Bauherr gut beraten sein, bei der Baustoffwahl und der Ausführung des Objekts sich schon frühzeitig mit einem ausführenden Unternehmen abzustimmen.


MICHAEL STVARNIK
Geb. 1966. Baumeister, Sachverständiger, Unternehmer, Geschäftsführer mehrerer
Immobilien- und Kraftwerksbetriebe. Seit 2000 in der Bauinnung engagiert, seit 2003
Vorstandsmitglied, nun Landesinnungsmeister.

Gibt es dafür bereits ein Bewusstsein auf Seiten der Bauherren?
Ich würde es sagen, es wächst. Jedenfalls ärgert es mich massiv, dass die bauausführende Wirtschaft als Profi-teur der Krise hingestellt wird. Denn das sind wir nicht. Ein Blick in die Bilanzen der Firmen zeigt es deutlich: Die Umsatzrentabilität in der Branche ist konstant auf niedrigem Niveau. Preistreibend ist, wie gesagt, der Bereich der Baustoffe und Subunternehmer, aber auch die Bauvorschriften in Österreich und die langen Genehmigungsverfahren verteuern die Baukosten.

Ihre wichtigsten Forderungen in diesem Bereich?
Bei den Bauvorschriften vermisse ich die überschauende Kompetenz, die verhindert, dass sich viele gut gemeinte Einzelnormen aus unterschiedlichen Bereichen zu einem Normendschungel verdichten. Ich werde mich dafür einsetzen, dass dieser Dschungel wieder gelichtet wird. Was die Bauverfahren betrifft, haben wir in der Steiermark in den meisten Gemeinden durchaus annehmbare Verfahrensdauern – in Gegensatz zu den Städten, allen voran Graz, wo die Länge der Verfahren schlicht katastrophal ist. Würde die Stadt Graz – so wie Gemeinden am Land – auch nicht-amtliche Sachverständige für Bauverfahren beiziehen, könnte das die Verfahren enorm beschleunigen.

Ihre Pläne innerhalb der Interessensvertretung?
Die Interessenvertretung muss noch stärker zur Servicestelle werden, daher werden wir die Leistungen für unsere Mitglieder ausbauen. Wir unterstützen unsere Betriebe bereits jetzt mit einer Vielzahl an Serviceleistungen, etwa Arbeitsbehelfe, Infoblätter oder Checklisten. Wir werden unser Leistungsfeld erweitern, unsere Angebote vertiefen und unseren Auftritt verbessern.

Die Lehre verbindet klassisches Handwerk mit modernsten Technologien
– Lehrlinge bekommen bei uns als erstes Werkzeug ein Tablet geschenkt.

MICHAEL STVARNIK
Innungsmeister der Landesinnung Bau

Wie gelingt es, das Image der Lehre weiter zu stärken?
Ich bin überzeugt, dass uns in dem Bereich bereits vieles gelungen ist – wie die steigenden Lehrlingszahlen beweisen. Die Lehre verbindet klassisches Handwerk mit modernsten Technologien – Lehrlinge bekommen bei uns als erstes Werkzeug ein Tablet geschenkt. Nicht nur die Verdienstmöglichkeiten, sondern auch die Karriereund Aufstiegschancen in unserer Branche sind enorm. Am Bau werden Werke und Werte geschaffen, die über Generationen erhalten bleiben – das wirkt gerade auch auf junge Menschen attraktiv.

Die Bedeutung der Sozialpartnerschaft?
Ich pflege seit vielen Jahren ein sehr gutes Verhältnis zu den Sozialpartnern. Eine gute Zusammenarbeit, die sowohl den Mitarbeitern als auch den Unternehmen zugute kommt, ist mir ein Herzensanliegen.

Fotos: MIAS PHOTOART, Lunghammer

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