Christina Hirschl, Geschäftsführerin von Silicon Austria Labs (SAL), Österreichs Spitzenforschungszentrum für elektronik- und soft warebasierte Systeme (ESBS) mit Hauptsitz in Graz, spricht über holistische Unternehmensführung, F&E im Mittelstand, Europas Chance als Pionier und notwendige Fördermaßnahmen für die heimische Industrie.
Seit bald zwei Jahren führen Sie jetzt die Geschäfte von SAL – ein Zwischenresümee?
Man könnte sagen: Und sie bewegt sich doch. (lacht) Damit meine ich, dass wir trotz einiger Herausforderungen ein sehr erfolgreiches Jahr 2024 hinter uns haben mit einem Umsatzwachstum von 40 Prozent. Viele neue Projekte, hohe Volumina, zahlreiche große europäische Kooperationen. Die Zusammenarbeit mit der Industrie läuft hervorragend: Diese Synergien sind ein Schlüsselaspekt in unserer komplexen Welt.
Was sind Schlüsselkomponenten des Erfolgs von SAL?
Wir profitieren von unserer ausgezeichneten Infrastruktur, und wir haben insbesondere ein sensationell gutes Team. Das freut und motiviert mich immer wieder. SAL hat hochqualifizierte Leute an den richtigen Positionen. Wir haben die Verantwortungsbereiche in den letzten zwei Jahren „fine-getuned“, denn Menschen ihren persönlichen Talenten und Fähigkeiten entsprechend einzusetzen, halte ich für essenziell. Dabei bin ich ganz unhierarchisch, denn Dominanz an sich hat keinen Wert. Allein kann eine Geschäftsführung genau nichts bewirken, ich fühle mich als Teil des großen Ganzen.
Was bedeutet das für Ihre Positionierung als Arbeitgeber?
Als Arbeitgeber musst du wirtschaftlich, ökologisch und sozial gut aufgestellt sein. Es braucht diesen holistischen Blick auf das Unternehmen, alles andere ist im Jahr 2025 gesellschaftlich zum Scheitern verurteilt. Unternehmen und Forschungseinrichtungen müssen Inklusion erlernen und trainieren. Sie müssen Diversität fördern. Je diverser Arbeitsgruppen sind, umso bessere Ergebnisse erzielen sie – das ist in der Forschung schon lange bekannt. Wir beschäftigen Menschen aus 46 Nationen, kürzlich hat eine junge Mitarbeiterin mit Beeinträchtigung bei uns angefangen. Den Gender-Paygap gibt es in der Naturwissenschaft zum Glück nicht mehr. Die „Work-Life-Balance“ ist kein Thema, wenn mich mein Job fordert, ausfüllt und ich spüre, dass ich eine bedeutungsvolle Aufgabe habe. Mich stört es zum Beispiel überhaupt nicht, im Urlaub erreichbar zu sein. Vermutlich würden mich drei Wochen Abwesenheit ohne Kontakt mehr stressen. (lacht)

SAL-Chefin Christina Hirschl bezeichnet
sich als „unhierarchisch“.
„Österreich braucht einen Quantencomputer – aus Souveränitätsgründen. Davon bin ich überzeugt.“
CHRISTINA HIRSCHL
Geschäftsführerin SAL
Offensichtlich sind Sie auch im internationalen Recruiting erfolgreich. Internationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnst du nur über die beruflichen Möglichkeiten, die du ihnen bietest. Je bekannter wir werden, je bessere Infrastruktur wir aufbauen, umso leichter werden wir Leute bekommen. Österreich ist ein sicheres Land. Gute Schulbildung, hohe Lebensqualität. Das zieht junge Fachkräfte aus dem Ausland an – und nicht wenige bleiben. Wir haben eine Fluktuationsrate von 9 Prozent – vergleichsweise gering in der Forschung, wo viele Leute im Post-Graduate-Bereich noch alle vier, fünf Jahre wechseln.
Christina Hirschl
Die promovierte Physikerin (Universität Wien) verfügt über langjährige Erfahrung in F&E sowie in Aufbau und Leitung großer Teams in der industrienahen Wissenschaft.
Seit Juni 2024 ist sie Geschäftsführerin der Silicon Austria Labs GmbH.
Davor leitete sie die SAL-Forschungseinheiten am Standort Villach sowie den Bereich Sensorik.
Kommen wir zum Thema Forschung & Entwicklung. Die Pilotlinien des European Chips Act sind aktuell ein wichtiger Wachstumstreiber für SAL.
Ja, ein Drittel unserer Projekte wird im Rahmen des European Chips Act gefördert, das entspricht 42 Millionen Euro an EU-Fördermitteln in einem Zeitraum von vier Jahren. Es geht um nichts weniger als die Souveränität und Resilienz von Europa. Deshalb müssen wir uns auf unsere wahren europäischen Stärken besinnen und uns differenzieren über Innovation und Qualität.
SAL engagiert sich auch entlang der Pilotlinie Quantentechnologie.
Denkt man die Mikrosystemtechnologie weiter, ist man schnell bei der Quantentechnologie. Österreich hat hier echte Stärkefelder im Bereich Grundlagenforschung, die wir jetzt möglichst rasch in Richtung Anwendung bringen müssen. Im Bereich Sensorik etwa wird das bei Spezialanwendungen wie der Raumfahrttechnik relativ schnell funktionieren. Im Gegensatz dazu braucht es für Quantensensorik im Handy wohl noch etwas Geduld.
Ihr Ziel ist ein Quantencomputer, den Sie der Industrie zur Verfügung stellen können?
Österreich braucht einen Quantencomputer – aus Souveränitätsgründen. Davon bin ich überzeugt. Derzeit stehen wir vor der Aufgabe, herauszufinden, wo und in welchen Anwendungen Quantencomputing wirklich einen Sinn macht, wo es in puncto Effizienz und Energieverbrauch einen entscheidenden Mehr-wert stiftet. Und die Industrie muss das buchstäblich ausprobieren, zum Teil im Trial-and-Error-Prinzip. Die dafür notwendige Infrastruktur dafür muss gefördert zur Verfügung stehen, denn die Unternehmen stehen derzeit vor ganz enormen Herausforderungen, allein, was das Tagesgeschäft betrifft.
SAL
Silicon Austria Labs (SAL) ist ein europäisches Spitzenforschungszentrum für elektronik- und softwarebasierte Systeme im Netzwerk von Wissenschaft und Wirtschaft.
Die Schwerpunkte:
→ Microsystems
→ Sensor Systems
→ Intelligent Wireless Systems
→ Power Electronics
→ Embedded Systems
Aktuell beschäftigt SAL 345 Mitarbeiter, 111 davon in Graz.
Finanziert wird die Einrichtung aus Mitteln der öffentlichen Hand – 128,5 Millionen Euro bis 2026 – sowie rund 100 Millionen Euro aus Industriemitteln und (inter-)nationaler Forschungsförderung.
Wie kann es gelingen, KMU mit ins Innovationsboot zu holen?
Indem man konstant daran arbeitet. Das ist ein wichtiges Thema, denn die 4% Forschungsquote soll ja real sein und nicht nur getragen von Playern wie Infineon, AMS und AVL. Gute Erfolge erzielt das Cascade Funding wie beispielsweise der European Digital Innovation Hub, dessen Förderungsgelder an der Basis in kleineren „Forschungspaketen“ von 20.000 bis 50.000 Euro abgerufen werden können. 2024 haben wir 25 Projekte mit KMU abgewickelt, viele zum Thema gedruckte Sensorik. Und wir haben gesehen, wie viel nachhaltige Innovation im mittelständischen Bereich bewegen kann.
Stichwort Nachhaltigkeit:
Baustellen sind der Energiebedarf …
Ein Aspekt ist die Energieerzeugung. Als Physikerin habe ich viele Jahre Photovoltaikforschung gemacht und bin nachhaltig „gebrandet“. Aufgrund der Speichertechnologie begrüße ich es sehr, dass die Steiermark jetzt einen inhaltlichen Schwerpunkt auf das Thema Batterie setzt und 2025 die Battery Innovation Days nach Graz holt. Speichern ist aber nicht unser Kerngeschäft, wir machen Elektronik. Unser Beitrag liegt im Energiemanagementsystem und in der Konvertierung der Energie, vorrangig im Bereich Bauelektronik.
… und nachhaltige industrielle Produktion.
In der Mikroelektronik-Produktion kommen viele Chemikalien zum Einsatz. Wir arbeiten mit Dünnschichttechnologie und bis zu atomaren Layers vieler seltener Materialien. Diese Komponenten sind zentraler Bestandteil der Technologie, also unverzichtbar. Wir arbeiten an Methoden, sie material-, energie- und chemikalieneffizienter zu erzeugen. Hier liegt großes Entwicklungspotenzial und eine Chance für Europa, die Vorreiterrolle zu übernehmen.
Wie können wir hier den richtigen Hebel setzen?
Wenn die Industrie Pionierwege gehen soll, braucht sie unsere Unterstützung. Die Antwort liegt also kaum in nicht umsetzbaren Top-down-Regulatorien. Wir wollen die Produktion am europäischen Standort halten, dafür braucht es ein gesamtgesellschaftliches Commitment und sinnvolle Maßnahmen auf Seiten des Förderwesens. Die Unternehmen arbeiten hart an dieser Thematik, aber wir können nicht von heute auf morgen auf Materialien verzichten, wenn wir noch keine neuen Prozesse etabliert haben.
Fotos: Oliver Wolf